Das Rheinwiesenlager Sinzig
Auszug aus: Hans-Ulrich Reiffen: Das Rheinwiesenlager Sinzig
2. verbesserte Auflage. Bonn im April 2005.
Kriegsgefangenengräber in Bad Bodendorf
Soweit es den Akten zu entnehmen ist, beläuft sich die Zahl der im
Kriegsgefangenenlager Remagen Sinzig verstorbenen Männer und Frauen auf 1247
Personen.
Genau registriert sind auch die Patienten, die im American Field Hospital starben - 530 von insgesamt 13000 Behandelten. Einen Hinweis darauf, dass die Zahl der Todesopfer weit höher gewesen ist, wie dies James Bacque in seinem Buch "Other Losses" annimmt, gibt es für das Rheinwiesenlager Remagen-Sinzig nicht.
Was waren die Todesursachen?
Ruhr und andere aufgrund der allgemeinen Notlage und der Unterernährung bedingte Krankheiten sowie schwere Erschöpfungszustände. Hinzu kommen die vom Wach- personal erschossenen Personen. Eine Zeitzeugin kannte den traurigen Fall eines jungen Remageners, der vor sich immer sein Elternhaus sah. Vor Sehnsucht, endlich nach Hause zu kommen, hielt er es nicht mehr aus und entschloss sich zur Flucht, auf der er erschossen wurde. Es gab aber auch Gefangene, die in den von ihnen selbst gegrabenen Erdlöchern, die nach nächtlichen Regenfällen einstürzten, erstickten, weil sie zu geschwächt sich nicht mehr schnell genug befreien konnten. Einige starben, weil sie nachts über den offenen Latrinengräben bei der Verrichtung ihrer Notdurft, häufig geschwächt durch die grassierende Ruhr, sich nicht mehr halten konnten, in die Gräben
stürzten und in der Kloake erstickten. Später ging man nur zu zweit zu diesen Gräben, damit jeweils der eine den anderen festhalten konnte.
Die Toten des Gefangenenlagers Remagen-Sinzig wurden von Mitgefangenen in
einem Feld bei Bad Bodendorf begraben.
Es mussten lange Gräben ausgehoben werden, um in diesen die Toten zu beerdigen. Die noch nicht begrabenen Leichen bedeckte man mit Kalk, um die Seuchengefahr zu verringern. Einige Angehörige der verstorbenen Kriegsgefangenen gruben ihre Toten wieder aus und bestatteten sie in ihren Heimatgemeinden, was jedoch später verboten wurde.
Entlassungen und Auflösung des Lagers
Anscheinend wurde die große Mehrheit der Gefangenen nicht direkt aus Remagen-Sinzig in die Freiheit entlassen, sondern erst nach der Verlegung in andere Lager, z.B. nach Andernach….So leerte sich das Lager von Ende Mai an zusehends, zugleich ging die Zahl der Todesfälle im Lager in den Monaten Juni und Juli drastisch zurück. Am
20. Juli 1945 schlossen die Franzosen das Lager Sinzig und ließen die restlichen Insassen in das rheinaufwärts gelegene Lager Andernach marschieren.
Historischer Kommentar
Die Kriegsgefangenschaft in den Lagern Remagen und Sinzig war gewiss eine Zeit der Drangsal, der Verzweiflung, der Entbehrung, der schrecklichen Leiden. Dieses Leid ruft nach Mitleid.
Gleichzeitig verlangt die historische Gerechtigkeit, die großen Zusammenhänge nicht außer Acht zu lassen. Die Alliierten waren angesichts des riesigen Gefangenenstroms, dem sie plötzlich gegenüberstanden, völlig überfordert. So wuchs die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen in amerikanischen Lagern in Europa von 300.000 Anfang 1945 auf 3,4 Millionen Mitte 1945. Außerdem mussten die Amerikaner zunächst ihre eigenen Gls versorgen, 1945 waren 2 Millionen amerikanische Soldaten in Europa. Die Amerikaner ordneten das Rheinwiesenlager Remagen-Sinzig in die Kategorie
"Durchgangslager" ein. Aus den Durchgangslagern sollten die Gefangenen möglichst bald entweder entlassen oder in französische Kriegsgefangenschaft abtransportiert werden. Das bedeutete, dass keineswegs an die Errichtung eines festen
Kriegsgefangenenlagers mit Holzbaracken oder Zelten als Unterkünften gedacht war. Die Regeln der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen (1929) bezogen sich zudem nicht ausdrücklich auf so genannte Durchgangslager, in denen die Kriegsgefangenen nur kurzfristig bleiben sollten. Daher bestand hier in gewisser Weise ein rechtsfreier Raum. Manche unverständlichen Maßnahmen, wie z.B. das Abnehmen
von Messern und Gabeln, das Fehlen fester Unterkünfte, das nächtliche Schießen über die Lager, erklären sich aus der Furcht vor Attentaten und Zusammenrottungen, waren also durch ein starkes Sicherheitsbedürfnis der Alliierten diktiert, besonders in der Zeit von April bis Juni 1945. Hierzu gehört auch, dass die Amerikaner alle militärischen Einheiten der Wehrmacht auflösten, sogar solche, die sich geschlossen in Kriegsgefangenschaft
begeben hatten. Die Folge war, dass die Camps aus Ansammlungen von Einzelpersonen bestanden, die keinen Bezug zueinander hatten. Daraus konnte dann ein Kampf „Jeder gegen Jeden" entstehen.
Nachrichten über die deutschen Konzentrationslager und über die erbärmliche Situation der Zwangsarbeiter in Deutschland führten zu der Einstellung, dass die Deutschen nun erst recht die Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik am eigenen Leibe spüren sollten. Dies hatte wiederum Auswirkungen auf die Versorgung der Kriegs- gefangenen, die jedenfalls nicht gebessert wurde. Außerdem brauchten die Alliierten nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8.5.1945 nicht mehr Repressalien des NS-Regimes gegenüber ihren eigenen Gefangenen in Deutschland zu befürchten. Trotz ihrer Unmenschlichkeit waren die Durchgangslager in Remagen und Sinzig keine KZ, keine Vernichtungslager. Die Sterberate betrug dort maximal 3%.
Demgegenüber lag die Sterberate der sowjetischen Kriegsgefangenen in
Deutschland mindestens bei 60%.
Abschließend sollte noch ein Blick auf die französische Besatzungspolitik
geworfen werden. Frankreich war die wirtschaftlich schwächste Besatzungsmacht und war daher auch nicht in der Lage, die Kriegsgefangenen völkerrechtlich korrekt zu versorgen. Besonders litt die Kriegsgefangenenverwaltung unter Personalmangel. Für die Bewachung wurden daher zum einen Angehörige der gerade erst in die regulären Streitkräfte eingegliederten Widerstandsgruppen der "Résistance" eingesetzt, zum anderen wurden „Displaced Persons", d.h. ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene
in Deutschland oder auch KZ-Häftlinge angeheuert. Beide Gruppen neigten aufgrund ihrer persönlichen Erlebnisse in besonderem Maße zu Übergriffen gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen.
Solche Erklärungen bieten sicher für die ehemaligen Insassen des Kriegsgefangenenlagers von Sinzig sehr wenig Trost. Am Anfang langer Jahre in Frieden und Freiheit für Nachkriegsdeutschland steht ihr persönliches
Leid dem historischen Verdienst der Alliierten, nämlich der Befreiung von
der nationalsozialistischen Diktatur, gegenüber.

