Mahung zum Frieden
Kriegsgefangen in der „Goldenen Meile“
Nach dem unvorhergesehenen Rheinübergang amerikanischer Truppen in Remagen am 7. März 1945 und dem lange vorbereiteten Rheinübergang bei Wesel am 23. März 1945 wurde bis zum 1. April das gesamte Ruhrgebiet – mit über 300 000 deutschen Soldaten darin - eingekesselt. Die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen stieg mit dem Vorrücken der alliierten Truppen ungeheuer an.
Westlich des Rheins wurden Sammellager, „Prisoner of War Temporary Enclosures“ (PWTE), für jeweils 50 000 Mann bei Rheinsberg, Remagen und Bad Kreuznach angelegt. Doch diese waren schon nach kurzer Zeit zu klein. Weitere Lager, insgesamt 17 PWTE’s, wurden errichtet.
Ende April waren nach amerikanischen Angaben 169 036 Kriegsgefangene allein im PWTE Remagen.
Zusätzlich wurde das Lager Sinzig errichtet. Am 8. Mai befanden sich im Lager Sinzig 118 563 und im Lager Remagen 134 029 Gefangene.
Das PWTE A-2 Remagen dehnte sich vom Ortsteil Kripp, zwischen Eisenbahn und Rhein, bis zum Eisenbahndamm aus, der von der Hauptstrecke zur „Brücke von Remagen“ abzweigte. In sich wurde das Lager nochmals durch Stacheldrahtzäune in sogenannte „cages“, Abteilungen für jeweils 5 000 bis 7 000 Mann, aufgeteilt. Jede dieser Abteilungen hatte einen deutschen Unteroffizier als „Campführer“. Die Gefangenen waren in Tausend-, Hundert-, und Zehnerschaften mit jeweils eigenem Führer eingeteilt, der für die Verteilung der spärlichen Lebensmittel zuständig war.
Hunger, Krankheit und Tod
Im Lager herrschten schreckliche Zustände. Es fehlten Trinkwasser und Lebensmittel. Nur wenige der Gefangenen besaßen einen Mantel oder eine Zeltplane. Es war ein nasskaltes Frühjahr mit unendlich viel Regen. Um sich vor dem Wetter zu schützen, gruben sich die Gefangenen Erdlöcher. Aufgrund unzureichender Hygiene verbreiteten sich Seuchen. Es grassierte die Ruhr.
Das 62. amerikanische Field Hospital hatte die Krankenhäuser von Remagen und Linz übernommen, in der Kripper Lederfabrik ein Lazarett eingerichtet und in Sinzig in Zelten ein Feldkrankenhaus errichtet.
Damit verfügte es im Mai 1945 rechnerisch über eine Kapazität von 3 100 Betten. Etwa 120 deutsche Militärärzte und 750 deutsche Sanitäter wurden hier und in den Krankenrevieren der einzelnen „cages“ eingesetzt.
Bis zum Abzug dieser amerikanischen Sanitätskompanie am 10. Juli 1945 wurden
13 499 Kriegsgefangene in den Einrichtungen des 62. Field Hospital aufgenommen und - soweit möglich - behandelt. Medikamente waren Mangelware. Eine Typhusepidemie konnte durch strenge Quarantänemaßnahmen und den Einsatz von DDT-Pulver als Entlausungsmittel abgewendet werden.
Allein in den amerikanischen Krankenhäusern starben 532 Patienten. Jeden Tag wurden die Toten im Lager eingesammelt. Zunächst wurden sie in Kripp und Ittenbach begraben. Am 28. April wurde auf einem Feld bei Bodendorf ein neuer Friedhof eröffnet und am 15. Juli 1945 geschlossen. Am 1. November 1945 wurde diese mit 1 213 Gräbern größte geschlossene deutsche Kriegsgräberstätte des Kreises Ahrweiler feierlich eingesegnet.
Verdrängte Erinnerungen
Bis heute verbinden viele Menschen in Deutschland und Österreich höchst unerfreuliche, schmerzliche oder traurige Erinnerungen mit den Rheinwiesen in der „Goldenen Meile“ von Remagen und Sinzig.
Nachdem Bürgermeister Hans Peter Kürten am 7. März 1980 das Friedensmuseum Brücke von Remagen eröffnet hatte, meldeten sich bei ihm immer öfter ehemalige Kriegsgefangene mit der Bitte, doch auch an ihr Schicksal von 1945 zu erinnern. Doch zu diesem Zeitpunkt war Kürten lediglich im Besitz von drei Fotos aus den Lagern Remagen und Sinzig sowie einigen Zeitungsartikeln.
Die Schwarze Madonna
Kurze Zeit später erfuhr Bürgermeister Kürten in einem Gespräch zufällig, dass im Kripper Pfarrhaus eine Madonnenfigur aufbewahrt wurde, die ein Lagerinsasse während jener Leidenszeit gestaltet hatte. Die Figur war in die Hände des ehemaligen Pfarrers von Kripp, Dr. Keller, gelangt. Auf dessen Bitte hat der Kripper Bürger Johann Deusen die bröckelnde Statue konserviert. Dazu wurde sie mehrfach mit Leinöl getränkt, wodurch sie eine dunkle Farbe und später den Namen „Schwarze Madonna“ erhielt.
Nach langwierigen Recherchen konnte Kürten in Erfahrung bringen, dass die „Schwarze Madonna“ von Professor Adolf Wamper aus dem Lehm des Kriegsgefangenenlagers modelliert war. Doch der Bildhauer war inzwischen schon verstorben.
Mahnung zum Frieden
Da in Remagen nichts an das Kriegsgefangenenlager erinnerte, wuchs in Bürgermeister Kürten der Wunsch, auf dem ehemaligen Lagergelände eine Kapelle für die „Schwarze Madonna“ zu errichten.
Dieser Wunsch wurde zusammen mit einem Foto der wieder aufgefundenen Figur und einem Spendenaufruf in der Weihnachtszeit 1984 von dpa bundesweit verbreitet. Das Echo darauf war überwältigend. Schon am 22. Juni 1985 konnte der Grundstein für die Kapelle gelegt und ein großes Erinnerungskreuz errichtet werden. Laufend gingen Spenden ein – insgesamt über 300 000 DM.
Bereits zwei Jahre später war der Bau vollendet. Am 9. Oktober 1987 wurde die Kapelle mit einem feierlichen Gottesdienst eingeweiht. Dazu waren mehr als 1 200 Besucher - ehemalige Kriegsgefangene mit ihren Angehörigen - nach Remagen gekommen.
Bekrönt wird die Kapelle von einer Dornenkrone, die auch an die Stacheldrahtumzäunung erinnert. Wind und Regen können durch die offene Zeltkonstruktion hindurchfegen wie im Frühjahr 1945 durch das Lager. Die Madonna hat ihren Platz in einer vergitterten Stele gefunden. Zwei Tafeln erinnern an das Leiden der Gefangenen, mahnen aber auch für die Zukunft:
Frühere Fehler dürfen nicht wiederholt werden.
Vergeltung ist keine Liebe
und Hass kein Boden,
auf dem Frieden gedeihen kann.
Impressum:
Friedensmuseum, Brücke von Remagen e.V.
Text: Kurt Kleemann

